Wer ist Odo Marquard?Marquard-Portrait

Sich selbst charakterisiert der emeritierte Professor der Philosophie in einem seiner Vorträge, für deren Stil er selbst den Ausdruck „Transzendentalbelletristik“ prägte, als „einen in Hinterpommern geborenen Zwangsostfriesen, der am Fuße des Vogelsbergs sein bedenkliches Leben verbringt und darum ja auch sowieso eher zuständig ist für nonkonformistische Teile der südhessischen Grundlagenfolklore.“ (Inkompetenzkompensationskompetenz, S. 27)

 

Noch schöner und original für eine Veranstaltung der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen am 8. Juli 2004 hat er eine Selbstvorstellung in seinen Diskussionsbemerkungen zum Thema

formuliert. Mit diesem kleinen Vortrag wurde Prof. Dr. Odo Marquard Gastautor auf der Bibelwelt-Homepage.

 

Am 8. August 2009 überreichte ich Herrn Prof. Dr. Marquard anlässlich eines Besuchs bei ihm zu Hause einige Diskussionsbemerkungen innerhalb eines inneren Dialoges, den ich selber mit ihm führe, seit ich ihn als Pfarrer seiner evangelischen Kirchengemeinde kennengelernt habe:

Auch diesen Text erlaube ich mir, hier der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 

Aber um Prof. Dr. Odo Marquard in seinem Denken wirklich kennenzulernen, muss man ihn selber lesen. Ich hätte das wahrscheinlich nie getan, wenn ich ihn nicht in meiner Eigenschaft als Gemeindepfarrer besucht hätte, zum Geburtstag oder als er krank war. Er schenkte mir seine Reclam-Heftchen mit Vorträgen und Aufsätzen und ich war mehr und mehr fasziniert von Stil und Inhalt seiner philosophischen Gedanken. Dabei teile ich nicht alle seine Überzeugungen. Ich tendiere im Rahmen des bürgerlich-demokratischen Spektrums doch mehr zur sozialen und ökologischen Veränderung, nehme aber seine kritischen Anfragen an die Bürgerlichkeitsverweigerung auch im Rückblick auf mein eigenen Denken und Handeln in den Siebziger und Achtziger Jahren sehr ernst. Interessant finde ich die Berührungspunkte, die sich zwischen dem Denken so unterschiedlicher Menschen wie dem linkssozialistisch geprägten Theologen Ton Veerkamp und dem bürgerlichen Philosophen Odo Marquard ergeben. Immer wieder stieß ich auch auf Ähnlichkeiten seiner Philosophie mit tiefsinnigen Einsichten des englischen Humoristen Terry Pratchett.

 

Um neugierig zu machen auf die Philosophie von Odo Marquard, präsentiere ich hier auf der Bibelwelt:

Philosophie-Häppchen

Dieses Zitat von H. Heine (Das Buch le Grand, Kap. XIII), das Odo Marquard den Anmerkungen voranstellt, die den halben Umfang eines seiner frühen Bücher ausmachen, mag mein Unterfangen rechtfertigen, mit einer Auswahl von Zitaten und Bonmots eines Philosophen nicht die eigene Lektüre seiner Vorträge und Aufsätze zu ersetzen, sondern Leserinnen und Leser neugierig auf sein Werk zu machen.

Will man von den Hauptwerken Odo Marquards sprechen, so sind es in aller Regel Sammlungen von Vorträgen und Aufsätzen. Seine sieben kleinen gelben Reclam-Heftchen, die mir der Autor selbst verehrte, sind in meinem Besitz:

Außerdem zitiere ich aus drei weiteren Sammelbänden in etwas größerem Format:

Sein dickstes und zugleich von ihm selbst ungeliebtestes Buch ist seine „Habilitationsschrift über die Psychoanalyse als Aggregatzustand des deutschen Idealismus..., die dann ein freundlicher Zufall davor bewahrte, gedruckt zu werden“ (Skeptiker, 1984, S. 9), was einen anderen (unfreundlichen?) Zufall nicht daran hinderte, diesen Druck dann doch mit einem Vierteljahrhundert Verspätung im Jahr 1987 zu ermöglichen:

Aus diesem einzigen dicken Buch des Philosophen zitiere ich nur sehr wenig. Es ist allzu schwere Kost für philosophische Laien, wie ich es bin, und es wäre vermessen, aus diesem 279 Seiten starken Buch plus knapp 200 Seiten Anmerkungen Zitate auswählen zu wollen, die die Zielsetzung des differenzierten Gedankengangs auch nur halbwegs widerspiegeln sollten. Dennoch empfehle ich dieses Buch allen philosophisch einigermaßen Halbgebildeten, die sich fragen, was der deutsche Idealismus eigentlich wollte und warum er in der Naturphilosophie eine zunächst romantische und später (in Schopenhauer und Nietzsche) desillusionierte Fortsetzung fand. Ja, und die wechselseitigen Berührungspunkte von Philosophie und Psychoanalyse haben mich auch sehr interessiert. Im Gegensatz zu den kleineren Schriften Marquards ist die Lektüre dieses Werkes allerdings ein höchst anstrengender Genuss - und selbst dieser Genuss stellte sich bei mir erst nach den ersten 50 Seiten ein...

Weitere Aufsätze, Vorträge und Interviews sind andernorts veröffentlicht, einige liegen mir in Kopie vor, manche gar nicht. So bleibt meine Zitatensammlung - ganz im Sinne Odo Marquards - eine von Zufällen bestimmte Auswahl, die auf jeden Fall eines nicht ersparen soll: den Autor selbst im Zusammenhang zu lesen.

 

Über 800 Zitate fand ich zitierenswert. Ich habe sie unter zwölf Stichworten eingeordnet, wobei viele sich auch in anderen Schubläden ebenso wohlfühlen würden.

Ich wünsche viel Freude beim Neugierig-Werden auf die Philosophie von Odo Marquard!

Pfarrer Helmut Schütz

 

Prof. Dr. Odo Marquard
Philosoph und Mitglied der evangelischen Paulusgemeinde Gießen