Geisteswissenschaften als erzÀhlende Moralistik
JĂŒnger
Die Geisteswissenschaften sind jĂŒnger als die Naturwissenschaften. ... der Terminus âNaturwissenschaften“ wird ab 1703 gebrĂ€uchlich, der Terminus âGeisteswissenschaften“ ab 1847 bzw. 1849. (Unvermeidlichkeit, 1985, S. 99f.)
Geburtsursache
Die experimentellen Naturwissenschaften sind âchallenge“; die Geisteswissenschaften sind âresponse“. Die Genesis der experimentellen Wissenschaften ist nicht die Todesursache, sondern die Geburtsursache der Geisteswissenschaften; mit anderen Worten: die Geisteswissenschaften sind nicht das Opfer, sondern sie sind das Resultat der Modernisierung und daher selber unĂŒberbietbar modern. (Unvermeidlichkeit, 1985, S. 101)
ModernisierungsschÀden
Die Geisteswissenschaften helfen den Traditionen, damit die Menschen die Modernisierungen aushalten können: sie sind – das betone ich in meiner Skeptikereigenschaft als ModeritĂ€tstraditionalist - nicht modernisierungsfeindlich, sondern – als Kompensation der ModernisierungsschĂ€den – gerade modernisierungsermöglichend. DafĂŒr brauchen sie die Kunst der Wiedervertrautmachung fremd werdender Herkunftswelten. Das ist die hermeneutische Kunst, die Interpretation: durch sie sucht man in der Regel fĂŒr Fremdgewordenes einen vertrauten Kram, in den es paĂt; und dieser Kram ist fast immer eine Geschichte. Denn die Menschen: das sind ihre Geschichten. Geschichten aber muĂ man erzĂ€hlen. Das tun die Geisteswissenschaften: sie kompensieren ModernisierungsschĂ€den, indem sie erzĂ€hlen; und je mehr versachlicht wird, desto mehr – kompensatorisch – muĂ erzĂ€hlt werden: sonst sterben die Menschen an narrativer Atrophie. (Unvermeidlichkeit, 1985, S. 105)
Vieldeutigkeit
Eindeutigkeit ... ist in den interpretierenden Geisteswissenschaften kein Ideal, das nicht erreicht wird, sondern eine Gefahr, der es zu entkommen gilt. ... Denn die Geisteswissenschaften sind – und zwar durch ihre Wende zur Vieldeutigkeit – auch eine spĂ€te Antwort auf die Tödlichkeit der konfessionellen BĂŒrgerkriege, die hermeneutische BĂŒrgerkriege waren, weil man sich dort totschlug um das eindeutig richtige VerstĂ€ndnis eines Buchs: nĂ€mlich der Heiligen Schrift, der Bibel; und diese Antwort kam spĂ€t, denn sie wurde unausweichlich erst durch die Tödlichkeitserfahrung der neukonfessionellen BĂŒrgerkriege, die die modernen Revolutionen seit 1789 sind, die hermeneutische BĂŒrgerkriege blieben, weil man sich dort totschlug und totschlĂ€gt um das eindeutig richtige VerstĂ€ndnis der einen einzigen eindeutigen Weltgeschichte. (Unvermeidlichkeit, 1985, S. 108)
Vergeisteswissenschaftlichung
[D]ie Nichtinstutionalisierung der Anthropologie als Gesamtfach ... ist kein UnglĂŒck. Nicht nur konnten sich die Geisteswissenschaften fortan weiterhin frei und bunt entwickeln. Ebenso konnten die Sozialwissenschaften ihre PubertĂ€t wenigstens halbwegs in disziplinĂ€rer QuarantĂ€ne absolvieren. Zugleich konnte auch die evolutionĂ€re Biologie eigenstĂ€ndig lernen, daĂ sie – durch den Erfolg des Entwicklungsgedankens: weil man zwar mögliche Entwicklungen auswĂŒrfeln kann, wirkliche Entwicklungen aber erzĂ€hlen muĂ – ihrerseits (Ă€hnlich wie die evolutionĂ€re Urknall-Kosmologie) zur erzĂ€hlenden Wissenschaft wird. Diese Tendenz zu einer – wie man das nennen kann - âVergeisteswissenschaftlichung der Naturwissenschaften‘ bleibt einstweilen imperfekt einzig dadurch, daĂ bisher die Evolution nur als Alleingeschichte hin auf den Menschen erzĂ€hlt wird. FĂŒr die Evolutionstheorie ist dieses âanthropische Prinzip“ jene Schwierigkeit, die fĂŒr die geschichtsphilosophische Fortschrittstheorie der Eurozentrismus war. Vielleicht gibt es schon irgendwo den evolutionsbiologischen Ranke mit dem Satz: âJede Art ist unmittelbar zu Gott“; jedenfalls: die Evolutionstheorie hat ihren Historismus noch vor sich, also eine nochmals verstĂ€rkte Tendenz zur âVergeisteswissenschaftlichung der Naturwissenschaften‘. (Unvermeidlichkeit, 1985, S. 111f.)
Philosophie – Theologie – Rhetorik
Wenn die Geisteswissenschaften junge Wissenschaften sind, muĂ es vormodern etwas gegeben haben, was dort ihr Pensum – SelbstverstĂ€ndnis des Menschen – wahrnahm: Was war das? Meine lakonische Antwort ist diese: Das waren Philosophie, Theologie und Rhetorik. …Die Geisteswissenschaften historisieren und Ă€sthetisieren das altphilosophische und alttheologische Pensum des menschlichen SelbstverstĂ€ndnisses und retten es so, auf die Modernisierungen antwortend, fĂŒr die moderne Welt. (Moralistik, 1987, S. 109)
Ersatzerwachsensein
Die Geisteswissenschaften sind ein Dienstleistungsgewerbe fĂŒr Leistung von Diensten an BĂŒrgern fĂŒr deren BĂŒrgerethik. ... Geisteswissenschaften sind Lebenserfahrung fĂŒr die, die noch keine haben, Altersweisheit der noch nicht Alten, was – als Orientierungspotential – wachsend wichtig wird in einer Zeit, in der, durch ihre DauerverĂ€nderung, die Welt auch fĂŒr den Ăltesten noch so fremd bleibt wie einst nur fĂŒr Kinder: Die von Hermann LĂŒbbe beschriebene moderne Infantilisierung braucht die Geisteswissenschaften als Kompensation der Lebenserfahrung, als Orientierungshilfe. Dauerverkindlichung braucht die Kompensation durch eine Art Ersatzerwachsensein. DaĂ dabei nicht die groĂe eine Orientierung, sondern viele Orientierungen geliefert werden, ist kein relativistisches Manko, sondern eine pluralistische Wohltat, wenn ohnehin gilt: Der universalistische kategorische Imperativ (Sei nur das, was auch alle anderen sein können) muĂ zumindest ergĂ€nzt werden durch den historischen Imperativ (Max MĂŒller): Sei das, was nur du sein kannst, und laĂ auch die anderen das sein, was nur sie sein können. (Moralistik, 1987, S. 111)
Moralist
Bei uns wird heutzutage gern derjenige ein Moralist genannt, der – stets mit flammender Empörung und hĂ€ufig durch Vergessen seines Kopfes – nur noch aus erhobenem Zeigefinger besteht. DemgegenĂŒber muĂ man ... an die traditionelle Moralistik denken, ...an Montaigne, La Rochefoucauld und andere, die den Menschen aus seinen Sitten, Usancen, Ăblichkeiten, eben seinen Mores, zu verstehen suchten. Diese Moralistik entstand in Frankreich und England – als Weltleute-Weltkenntnis – recht frĂŒhneuzeitlich; in Deutschland entstand statt ihrer – als Schulleute-Weltkenntnis – gleichzeitig ab ungefĂ€hr 1600 die philosophische Anthropologie. (Moralistik, 1987, S. 113f.)
VerspÀtete Moralistik
Die Geisteswissenschaften – die diesseits der monomythischen Geschichtsphilosophie ... denken und so die moderne Welt milde kritisieren und nĂŒchtern Bejahungshilfe leisten – holen eine Denktradition in Deutschland nach, die dort zu lange fehlte: die der Moralistik. Meine abschlieĂende These, die auf die deutsche Sonderlage eingeht, ist also diese: Die deutschen Geisteswissenschaften sind die verspĂ€tete Moralistik der verspĂ€teten Nation. (Moralistik, 1987, S. 114)
Modern
Die modernen Naturwissenschaften sind nicht die Todesursache, sondern vielmehr die Geburtsursache der Geisteswissenschaften. Wenn die exakten Naturwissenschaften, die fĂŒr die laborfĂ€higen Objekte da sind, modern sind, sind die Geisteswissenschaften, die fĂŒr die lebensweltlichen Geschichten da sind, erst recht modern. (Stattdessen, 1999, S. 32)
Geschichtenpluralisierungsagentur
Die Menschen sind ihre Geschichten; menschlich bleiben sie durch Gewaltenteilung des Geschichtlichen: dadurch, daĂ sie nicht nur eine, sondern viele Geschichten haben. Die Geisteswissenschaften entstehen modern und gerade modern – angesichts der fortschrittsphilosophischen Tendenz zur Geschichtsuniformierung – als Geschichtenpluralisierungsagentur, die die Neigung zur Einheitsgeschichte durch Kultur der Geschichtenvielfalt – durch Kultur der vielen BĂŒcher: der Literatur; durch Pflege der vielen Lesarten und VerstĂ€ndnisse: der Hermeneutik; durch SensibilitĂ€t fĂŒr viele Sprachen und Sitten: den Sinn fĂŒr Pluralistik und IndividualitĂ€t – kompensiert und dadurch kritisiert, so daĂ auch hier gilt: Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften. (Stattdessen, 1999, S. 33)
Wissenschaften vom Menschen
Alle Geisteswissenschaften sind Wissenschaften vom Menschen. Aber nicht alle Wissenschaften vom Menschen sind Geisteswissenschaften. ... Es ist erforderlich, sich Gedanken darĂŒber zu machen, wie man die Humanwissenschaften ... aus ihren pragmatischen, naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Isolierungen heraus- und zur Zusammenarbeit zusammenfĂŒhren kann. Diese Intention hat immer wieder einmal zur Idee einer Gesamtwissenschaft – einer Einheitswissenschaft – vom âganzen Menschen“ gefĂŒhrt; und als diese ... galt – neuzeittraditionell – die âAnthropologie“. (Wissenschaftspluralismus, 2000, S. 133f.)
Geisteswissenschaftler
Je mehr Fortschritte wir wollen und haben, um so mehr Geisteswissenschaften brauchen wir. Es lohnt sich also, Geisteswissenschaftler zu sein. Wir, die Alten, haben das – in schwieriger Lage – geschafft; Sie, die Jungen, werden das – in schwieriger Lage – ebenfalls schaffen. (DoktorjubilĂ€um, 2004, S. 12)
Geschichten als Handlungs-Widerfahrnis-Gemische
Geschichten
Die Menschen können ohne Mythen nicht leben; und das sollte nicht verwunderlich sein, denn was sind Mythen? Ein âmythophilos“ - Aristoteles bezeichnete sich so - ist einer, der gern Geschichten hört: den tĂ€glichen Klatsch, Legenden, Fabeln, Sagen, Epen, ReiseerzĂ€hlungen, MĂ€rchen, Kriminalromane, und was es an Geschichten sonst noch gibt. Mythen sind - ganz elementar - justament dieses: Geschichten. (Polytheismus 1, 1978, S. 93)
Entmythologisierung als Mythos
[Die] Geschichte des Prozesses der Entmythologisierung ist - meine ich - selber ein Mythos; und daĂ so der Tod des Mythos selber zum Mythos wird, beweist ein wenig des Mythos relative Unsterblichkeit. Es ist zumindest ein Indiz dafĂŒr, daĂ wir ohne Mythen nicht auskommen. (Polytheismus 1, 1978, S. 93)
Reichweite unserer Lebensbegabung
MĂŒssen nicht dort, wo die Wahrheit auftritt, die Mythen verschwinden? ... Ich bestreite nicht, daĂ Mythen in die noch leere Stelle der Wahrheit faktisch eingetreten sind, wo die Menschen noch nicht wuĂten; aber das ist eine Zweckentfremdung. Denn Mythen sind ... keine Vorstufen und Prothesen der Wahrheit, sondern die mythische Technik - das ErzĂ€hlen von Geschichten - ist wesentlich etwas anderes, nĂ€mlich die Kunst, die (nicht etwa fehlende, sondern) vorhandene Wahrheit in die Reichweite unserer Lebensbegabung zu bringen. Da ist nĂ€mlich die Wahrheit in der Regel noch nicht, wenn sie entweder - wie etwa die Resultate exakter Wissenschaft z. B. als Formeln - noch unbeziehbar abstrakt oder - wie etwa die Wahrheit ĂŒber das Leben: der Tod - unlebbar grausam ist: Da dĂŒrfen dann nicht nur, da mĂŒssen die Geschichten - die Mythen - herbei, um diese Wahrheiten in unsere Lebenswelt hereinzuerzĂ€hlen oder um sie in unserer Lebenswelt in jener Distanz zu erzĂ€hlen, in der wir es mit ihnen aushalten. (Polytheismus 1, 1978, S. 94f.)
Mythonudismus
[Die] Weltgeschichte des BewuĂtseins [ist kein] ... âFortschrittâ genannter Striptease, bei dem die Menschheit nach und nach - mehr oder weniger elegant - ihre Mythen ablegt und schlieĂlich - sozusagen mit nichts als sich selber am Leibe - mythisch nackt dasteht: ganz nur noch bloĂe Menschheit. ... Der Mythonudismus erstrebt Unmögliches... je mehr Mythen einer auszieht, desto mehr Mythen behĂ€lt er an. (Polytheismus 1, 1978, S. 96)
KnollenblÀtterpilze
[W]enn es aussichtslos ist, die Mythen abzuschaffen, so folgt daraus nicht, daĂ es am Mythos nichts mehr zu kritisieren gibt... Nicht wahr: Wer angesichts von avancierten KnollenblĂ€tterpilzen die Forderung erhebt, man solle das Essen gĂ€nzlich bleibenlassen, der geht - scheint mir - einfach zu weit und wird nichts ausrichten; ein Ideologiekritiker könnte entlarvungsbeflissen schlieĂen, so einer habe Interesse am Verhungern der anderen. Die vernĂŒnftige MaĂnahme ist hierbei doch die, die lĂ€ngst erfolgreich ergriffen wurde: eine genaue Unterscheidung des EĂbaren und Giftigen. (Polytheismus 1, 1978, S. 97)
ErzÀhlen
[D]ie Philosophie muĂ wieder erzĂ€hlen dĂŒrfen und dafĂŒr - natĂŒrlich - den Preis zahlen: das Anerkennen und Ertragen der eigenen Kontingenz. ... Hier stehe ich und kann auch immer noch anders: Ich erzĂ€hle..., also bin ich noch; ... und wenn ich nicht gestorben bin, dann lebe ich noch heute. (Polytheismus 1, 1978, S. 111)
Polymythischer Roman
GegenĂŒber [dem] Finalisierungsanspruch [der] modernen Alleingeschichte sichert der moderne Roman - insbesondere der moderne Zeitroman - den Menschen Freiheit, indem er sie - polymythisch - in viele Geschichten verstrickt und dadurch jeden Menschen vom Zwang befreit, zusammen mit allen anderen Menschen nur noch eine einzige Geschichte haben zu dĂŒrfen. (Krise, 1981, S. 73f.)
Historismus
Die Universalgeschichte wird menschlich erst durch den Historismus, also durch jenen spĂ€teuropĂ€ischen Selbstdistanzierungsmodus des historischen Sinns, der den Menschen - allen Menschen zusammen und jedem einzelnen Menschen - nicht nur eine Geschichte, sondern viele Geschichten zu haben erlaubt, in die die Menschen verstrickt sind und die sie erzĂ€hlen können und mĂŒssen... (Multiversalgeschichte, 1982, S. 72)
Eigene Vielfalt
[E]rst sobald [die Menschen] viele Geschichten haben, werden sie von jeder Geschichte durch die jeweils anderen Geschichten relativ frei und dadurch fĂ€hig, eine je eigene Vielfalt zu entwickeln, d. h. ein Einzelner zu sein, und sei es ein verzweifelter Einzelner, der weiĂ: nur eines hilft wirklich ĂŒber eine Verzweiflung hinweg: die nĂ€chste. (Multiversalgeschichte, 1982, S. 72)
Das klingt - transzendentalbelletristisch super formuliert - plausibel, aber ist das wirklich so? Ist nicht anderer Trost noch viel wichtiger - der sich nicht aus der Teilung der Gewalten, sondern aus dem Vertrauen auf vertrauenswĂŒrdige Menschen oder sogar auf den einen verlĂ€sslichen Partner oder den einen tragfĂ€higen göttlichen Urgrund meines Lebens ergibt? (Helmut SchĂŒtz)
Monomythie und Polymythie
Mythen sind Geschichten. Monomythie – aus dem Monotheismus kommend – bedeutet fĂŒr jeden einzelnen und alle Menschen zusammen: sie dĂŒrfen nur eine einzige Geschichte haben und erzĂ€hlen (ich bin deine einzige Geschichte, du sollst keine anderen Geschichten haben neben mir): hier ist der einzelne unfrei, mit Haut und Haaren dieser einen Alleingeschichte ausgeliefert. Polymythie – aus dem Polytheismus kommend – bedeutet fĂŒr alle Menschen und jeden einzelnen: jeder darf viele verschiedene Geschichten haben und ist – divide et impera bzw. divide et fuge – ihnen gegenĂŒber frei und ein einzelner durch Gewaltenteilung als Geschichtenteilung. Polymythie ist bekömmlich, Monomythie ist schlimm. (Polytheismus 2, 1984, S. 82)
Geschichten
Das SchicksalszufĂ€llige ist die Wirklichkeit unseres Lebens, weil wir Menschen stets âin Geschichten verstrickt“ sind (Wilhelm Schapp); denn – das hat vor allem Hermann LĂŒbbe gezeigt – Handlungen werden dadurch zu Geschichten, daĂ ihnen etwas dazwischenkommt, passiert, widerfĂ€hrt. Eine Geschichte ist eine Wahl, in die etwas ZufĂ€lliges – etwas SchicksalszufĂ€lliges – einbricht: darum kann man Geschichten nicht planen, sondern muĂ sie erzĂ€hlen. Unser Leben besteht aus diesen Handlungs-Widerfahrnis-Gemischen, die die Geschichten sind: ebendarum ĂŒberwiegt in ihm das SchicksalszufĂ€llige. (ZufĂ€llig, 1984, S. 129)
Drei Sorten von Geschichten
[Die Geisteswissenschaften] erzÀhlen vor allem drei Sorten von Geschichten... c1. Sensibilisierungsgeschichten... [Farbigkeitsbedarf] ...Àsthetisch-autonome Kunst hat es vorher nie gegeben. ... c2. Bewahrungsgeschichten... | [Vertrautheitsbedarf] ... Keine Zeit hat so viel zerstört wie die Moderne; keine Zeit hat so viel bewahrt wie die Moderne: durch Entwicklung von Fertigkeiten, immer mehr Herkunft in die Zukunft mitzunehmen. ... Darum entsteht ... der historische Sinn und ... der ökologische Sinn... c3. Orientierungsgeschichten... [Sinnbedarf] ... Dabei allerdings geht es nicht nur um die Identifizierung mit Traditionen, sondern ebenso um die Distanzierung von Traditionen... (Unvermeidlichkeit, 1985, S. 105f.)
WissenschaftsĂŒblichkeiten
Die Wissenschaftstheorie ... ist ĂŒberwiegend gegen das ErzĂ€hlen: sie empfiehlt eine wissenschaftstheoretische Schönheitsoperation, die aus den Geisteswissenschaften das ErzĂ€hlen (also die Geisteswissenschaften) amputiert. Aber das, meine ich, spricht nicht gegen die erzĂ€hlenden Wissenschaften, ganz im Gegenteil, es spricht gegen die Wissenschaftstheorie. Ich bin zur Zeit auch Standespolitiker des Standes der Philosophie und in dieser Eigenschaft selbstverstĂ€ndlich bereit, die Wissenschaftstheorie bis zu meinem letzten Blutstropfen zu verteidigen. Als Philosoph hingegen bin ich nur bereit, die Wissenschaftstheorie – die die Wissenschaftswirklichkeit selten zur Kenntnis nimmt und nicht zuletzt deswegen ein extrem blutarmes GeschĂ€ft ist – bis zu ihrem eigenen letzten Blutstropfen zu verteidigen. Ich meine, immer noch ĂŒberzeugender als die Wissenschaftstheorie – die deren Surrogat ist – funktioniert auch heute die kooptative Selbstdefinition der Wissenschaften durch WissenschaftsĂŒblichkeiten: Wissenschaft ist das, was anerkannte Wissenschaftler als Wissenschaft anerkennen. (Unvermeidlichkeit, 1985, S. 197)
Orientierungsgeschichten
Orientierungsgeschichten orientieren wirklich, auch indem sie Geschichten sind, die nur teilweise Vergangenheit und teilweise auch noch Zukunft sind: man erfÀhrt durch sie auch, wie es weitergehen könnte und sollte. (Moralistik, 1987, S. 110)
WahrheitsfÀhigkeit
Wer, so wird weiterhin eingewandt, die Geisteswissenschaften nur als Geschichten erzĂ€hlende Wissenschaften bestimmt, macht sie wahrheitsunfĂ€hig oder – so JĂŒrgen MittelstraĂ – verbannt zumindest das Argumentative aus ihnen. Dagegen meine ich: Geschichten sind wahrheitsfĂ€hig. Man kann mit Geschichten argumentieren, und die Geisteswissenschaften sind dort am interessantesten, wo sie mit Geschichten argumentieren. (Moralistik, 1987, S. 110)
Geschichte und Geschichten
Gegen die Geschichte hilft nur die Geschichte. ... Ein Mensch muĂ viele Geschichten haben dĂŒrfen. Wer – menschlich – in der Geschichte bleiben will, muĂ also – scheint mir – nicht nur den traditionellen ontologischen Vorrang der UnverĂ€nderlichkeit mindern, sondern auch den traditionellen ontologischen Vorrang der Einheit. Das bedeutet: Die Geschichte muĂ ... entsingularisiert, sie muĂ repluralisiert werden: Aus der einen Geschichte mĂŒssen wieder – und nun erst recht – die vielen Geschichten werden. (Universalgeschichte, 1992, S. 88)
Viele Wege zur HumanitÀt
Es gibt ... [meint Levi Strauss] ... viele je eigene Wege zur HumanitĂ€t. Und es gibt – fĂŒge ich hinzu – HumanitĂ€t nur durch viele je eigene Wege. ... Gegen das dicke Ende der revolutionĂ€r gewordenen Universalgeschichte kann die Menschlichkeit durch die Geschichte gerettet werden, aber nur durch jene Geschichte, die die vielen Geschichten sind. (Universalgeschichte, 1992, S. 89)
Pluralisierungsermöglichung
Bedeutet das ... das Ende der Universalgeschichte? Ich meine: Das sollte nicht sein. Die Universalgeschichte ist zu Ende nur dann, wenn sie – fĂŒr jeden Menschen und fĂŒr alle Menschen zusammen – die einzige Geschichte sein will und keine anderen Geschichten neben sich duldet: denn justament dadurch wird sie zum Schrecken mit dickem Ende. Als eine Geschichte unter an|deren Geschichten aber ist sie unverzichtbar, weil die HerbeifĂŒhrung von Universalem unverzichtbar ist: z. B. die HerbeifĂŒhrung der Menschenrechte, die Rechte fĂŒr alle Menschen sind, allerdings – nimmt man es genau – als rechtliche Garantien fĂŒr alle Menschen, anders sein zu können als alle anderen Menschen. Gleichheit ist angstfreies AndersseindĂŒrfen fĂŒr alle. Universalisierung ist also nur als Pluralisierungsermöglichung gerechtfertigt, nur als Buntheitsförderung. ... Universalgeschichte ist nur als Ermöglichung des Pluralismus der Geschichten menschlich. (Universalgeschichte, 1992, S. 89f.)
Unreifer Historismus
[D]er reife deutsche Idealismus ist unreifer Historismus. Erst der reife Historismus sieht ein: die Menschen sind in Geschichten – in viele Geschichten – verstrickt; denn wir Menschen sind mehr als unsere Leistungen unsere ZufĂ€lle, mehr als unsere Handlungen unsere Widerfahrnisse. (Ehrenpromotion, 1994, S. 157)
Mythenpflicht der Wissenschaft
Die exakte Begriffssprache ist nicht die unĂŒberbietbare Gestalt der Wissenschaftssprache. Das cartesische Programm der Terminologisierung und Formalisierung der Wissenschaften ist unzureichend. Keine Wissenschaft und keine Philosophie kommt aus ohne Bilder und Mythen: jede ist mythenpflichtig. Erlauben Sie mir, das salopp zu formulieren: Wie beim Grog gilt: Wasser darf, Zucker soll, Rum muĂ sein, so gilt bei der Philosophie: Formalisierung darf, Terminologie soll, Metaphorik muĂ sein; sonst nĂ€mlich lohnt es sich nicht: dort nicht das Trinken und hier nicht das Philosophieren. (Entlastung, 1996, S. 115)
Der Mensch ist seine Geschichten
Der Mensch ist mehr seine Widerfahrnisse als seine Leistungen. Er ist nicht nur das handelnde, sondern vor allem auch das leidende Wesen: darum ist er seine Geschichten; denn Geschichten sind Handlungs-Widerfahrnis-Gemische. Mehr als durch seine Ziele ist er bestimmt durch seine HinfĂ€lligkeiten: seine MortalitĂ€t limitiert seine FinalitĂ€t; er ist nicht zur Vollendung, sondern âzum Tode“. Er lebt nicht primĂ€r auf etwas hin, sondern vor allem von etwas weg: der Mensch ist ĂŒberwiegend nicht Zielstreber, sondern DefektflĂŒchter. Er sammelt und steigert nicht nur Selektionsvorteile, sondern er macht vor allem Nachteile wett: er schreitet fort, indem er sich entlastet. Er eilt nicht von Sieg zu Sieg, sondern muĂ Niederlagen und SchwĂ€chen ausgleichen: der Mensch triumphiert nicht, sondern er kompensiert. (Stattdessen, 1999, S. 41f.)
Personalausweis
Menschen sind die, die...; und bei jedem von uns stehen fĂŒr uns selber Geschichten, die wir erzĂ€hlen, und sei es auch noch so kurz: Unsere kĂŒrzeste Kurzgeschichte ist unser Personalausweis; selbst eine Personalnummer ist eine verschlĂŒsselte ErzĂ€hlung. Wer auf das ErzĂ€hlen verzichtet, verzichtet auf seine Geschichten; wer auf seine Geschichten verzichtet, verzichtet auf sich selber. (Narrare, 1999, S. 60)
Amerikaloser Kolumbus – wolfloses RotkĂ€ppchen
Geschichten mĂŒssen erzĂ€hlt werden. Sie sind nicht prognostizierbar wie naturgesetzliche AblĂ€ufe oder wie geplante Handlungen, die zu Geschichten erst dann werden, wenn ihnen etwas dazwischenkommt. Solange ihnen nichts dazwischenkommt, sind sie voraussagbar, und es wĂ€re witzlos, sie zu erzĂ€hlen: Wenn Kolumbus Indien amerikalos erreicht hĂ€tte, wenn RotkĂ€ppchen die GroĂmutter wolflos besucht hĂ€tte, wenn Odysseus ohne ZwischenfĂ€lle schnell nach Hause gekommen wĂ€re, wĂ€ren das keine – richtigen – Geschichten gewesen. (Narrare, 1999, S. 60)
Geschichten als Gemische
Geschichten sind Ablauf-Widerfahrnis-Gemische bzw. Handlungs-Widerfahrnis-Gemische. (Narrare, 1999, S. 61)
Organe des ErzÀhlens
Die moderne Welt ist nicht nur die Welt der rationalisierungsermöglichenden Neutralisierung der lebensweltlichen Geschichten, sondern sie ist auch die Welt ihrer Kompensationen, und zwar durch Organe fĂŒr Geschichten, also gerade durch Organe des ErzĂ€hlens. Ich nenne hier – ohne VollstĂ€ndigkeitsanspruch – drei dieser Kompensationen. Spezifisch zur modernen Welt gehört:
a) die Ausbildung des historischen Sinns. …
b) der Siegeszug der erzÀhlenden Kunst des Romans. ...
c) die Entstehung und Entwicklung der Geisteswissenschaften, also der erzĂ€hlenden Wissenschaften. ... Als Organ fĂŒr die Geschichten ... antworten sie auf die Geschichtslosigkeit der modernen Welt. (Narrare, 1999, S. 61ff.)
ErzÀhlende Wissenschaft
Aber dĂŒrfen denn Wissenschaften erzĂ€hlen? Die Wissenschaftstheorie ist gegen das ErzĂ€hlen. Aber das spricht nicht gegen das ErzĂ€hlen, sondern gegen die Wissenschaftstheorie. Auch wenn diese moniert, daĂ, wer mit Geschichten argumentiert, das wissenschaftliche Soll an Eindeutigkeit unterbietet, so daĂ es in den Geisteswissenschaften zur Mehrdeutigkeit oder Vieldeutigkeit kommt, macht sie den Geisteswissenschaften einen falschen Einwand und ĂŒbersieht: Eindeutigkeit – sieht man von den (freilich ganz wesentlichen) Hilfsoperationen ab: Datierung, Quellenkritik und dergleichen) – ist in den interpretierenden Geisteswissenschaften kein Ideal, das nicht erreicht wird, sondern eine Gefahr, der es zu entkommen gilt. Man muĂ merken, wogegen die Vieldeutigkeit nötig wurde und daĂ es Blut, SchweiĂ und TrĂ€nen gekostet hat, die Eindeutigkeit gerade loszuwerden. Denn die Geisteswissenschaften sind auch eine – spĂ€te – Antwort auf die Tödlichkeitserfahrung der konfessionellen BĂŒrgerkriege, die hermeneutische BĂŒrgerkriege waren; denn man schlug einander tot im Kampf um das eine absolut richtige VerstĂ€ndnis des einen absoluten Buchs, der Bibel, und spĂ€terhin der einen absoluten Geschichte. (Wissenschaftspluralismus, 2000, S. 132)
Wilhelm Schapp
Vor 50 Jahren – also 1953 – erschien von Wilhelm Schapp, dem Auricher Rechtsanwalt und Notar und zweiten philosophischen Promovenden von Edmund Husserl, als SpĂ€twerk das Buch In Geschichten verstrickt, das - im Gegenzug gegen die WesensphĂ€nomenologie der klassischen phĂ€nomenologischen Tradition – die PhĂ€nomenologie der Geschichten begrĂŒndete. ... als leibhaftig mir begegnendem Denker gehört Wilhelm Schapp zu den fĂŒnf oder sechs Philosophen, auf die ich immer wieder zurĂŒckkomme. (Geschichten, 2003, S. 54)
Sielrecht
Nicht zuletzt um fĂŒrs Philosophieren ökonomisch hinreichend abgesichert zu sein, war Schapp Jurist geworden. Er begann anwaltlich zu arbeiten und spezialisierte sich auf das im BĂŒrgerlichen Gesetzbuch wegen seiner Kompliziertheit ausgeklammerte Sielrecht. Wenn die Siele zu viel Wasser fĂŒhrten und gaben, prozessierten die Bauern, wenn die Siele zu wenig Wasser fĂŒhrten und gaben, prozessierten die Schiffer. Die Sache schien Wohlhaben zu versprechen, doch dann kam der Erste Weltkrieg, die Inflation, der Zweite Weltkrieg: was als Ăbergangsphase in | die Philosophie geplant war, wurde lebenslange Berufsarbeit, und erst der RuhestĂ€ndler Schapp konnte das machen, was er ursprĂŒnglich alsbald beruflich machen wollte: er konnte philosophieren. Und so erschien das Buch In Geschichten verstrickt, dessen 50. Erscheinungsjahr wir begehen, erst als SpĂ€twerk, nĂ€mlich 1953, dem dann alsbald – im Jahr 1959 – diePhilosophie der Geschichten folgte. (Geschichten, 2003, S. 56f.)
In Geschichten verstrickt
Wilhelm Schapps entscheidende These ist, ich wiederhole sie, diese: Die Menschen, das sind ihre Geschichten; darum ist – fĂŒr alle âin Geschichten Verstrickten“, und das sind wir alle – das ErzĂ€hlen von Geschichten unvermeidlich: narrare necesse est. (Geschichten, 2003, S. 60)
Wozudinge
Wir Menschen ... erschlieĂen die Welt zunĂ€chst primĂ€r durch âWozudinge“; unsere Welt zeigt sich (um einen Ausdruck von Jost Trier zu gebrauchen) als âWirk- und Notwelt“. Der theoretische Blick ist das SekundĂ€re: der Mensch ist – schon zunĂ€chst – durch Wozudinge in seine Wirk- und Notwelt âverstrickt“. (Geschichten, 2003, S. 60)
Eigengeschichten – Fremdgeschichten – Wirgeschichten
[D]ie Welt der Menschen ist nicht primĂ€r ihre Gegenstands- und Sachverhaltswelt, sondern die Welt jener Geschichten, in die sie âverstrickt“ und âmitverstrickt“ sind: nicht als âFĂ€lle“, sondern als Eigengeschichten, Fremdgeschichten und Wirgeschichten. (Geschichten, 2003, S. 61)
âDer, der ...“-Struktur oder: Dackel Adelzahn
Ich – der ich zuweilen etwas merkwĂŒrdige Gedankenspiele unternehme – habe seinerZeit, 1997, um mich nicht gleich an die Menschen heranzuwagen, meine entsprechenden Schapp-Ăberlegungen an einem Dackel (vorsichtshalber an einem Dackel: ich habe nie einen gehabt) unternommen: dieser Dackel, nennen wir ihn Adelzahn, ist weder Wissenschaftsobjekt noch Wissenschaftssubjekt, er unterliegt nicht dem ontologischen Substanz-Akzidens-Schema und ist also nicht Substanz als Akzidenzienchef z. B. mit kalter Nase, spitzem Schwanz und freitragend durchhĂ€ngendem Bauch, sondern – das ist die Pointe – dieser Dackel Adelzahn ist | der, der Tante Rosalinde gebissen hat. Wenn man jetzt weitergeht – meint Schapp – zu den Menschen: sie sind natĂŒrlich nicht die, die Tante Rosalinde gebissen haben, aber – das ist Schapps Pointe – sie sind ihre Geschichten. Schapp – meine ich – unterstreicht beim Menschen die âder, der ...“-Struktur: jeder Mensch ist âder, der ...“ bzw. âdie, die ...“; und wer es dann genauerhin ist, das sagen immer nur seine Geschichten. Jeder Mensch ist sein Lebenslauf: ein Ensemble seiner Geschichten. (Geschichten, 2003, S. 61f.)
Sondergeschichten
Wilhelm Schapps PhĂ€nomenologie der Geschichten ... betont zentral die PluralitĂ€t der Geschichten. ... Man hat nicht nur eine Geschichte; man muĂ viele Geschichten haben dĂŒrfen: darauf kommt es an. Wer als Mensch – fĂŒr sich selbst und zusammen mit allen anderen Menschen – nur eine einzige Geschichte haben darf, die singularisierte Totalgeschichte der Weltverbesserung und fortschreitenden Diesseitserlösung, an der jedermann unentwegt arbeiten muĂ und der er sich nicht in Sondergeschichten entziehen darf, der ist schlimm dran. (Geschichten, 2003, S. 62)
Dazwischengekommen
Wilhelm Schapps PhĂ€nomenologie der Geschichten betont, daĂ die Menschen – eben weil sie in Geschichten verstrickt sind – nicht primĂ€r Akteure sind; sie sind Wesen, bei denen Aktionen und Kontingenzen sich legieren, Handlungen und ZufĂ€lle sich mischen. Denn Geschichten, das sind: Handlungs-Widerfahrnis-Gemische. Sie sind nicht ausschlieĂlich naturgesetzliche AblĂ€ufe und nicht ausschlieĂlich geplante Handlungen, weil sie zu Geschichten erst dann werden, wenn ihnen etwas dazwischenkommt. Meine Frau und ich haben, ich erwĂ€hnte es schon, 1960 geheiratet: das war eine echte Geschichte: wir sind einander dazwischengekommen. Einen Lebenslauf ohne Kontingenzen gibt es nicht: wir sind stets mehr unsere ZufĂ€lle als unsere Leistungen. (Geschichten, 2003, S. 63)
Widerfahrnis
Wilhelm Schapps PhĂ€nomenologie der Geschichten betont darum, daĂ Geschichten – in die die Menschen verstrickt oder mitverstrickt sind – erzĂ€hlt werden mĂŒssen, z. B. um die Geschichten fortzusetzen. ... Erst wenn einem geregelten Ablauf oder einer geplanten Handlung ein unvorgesehenes Widerfahrnis widerfĂ€hrt, mĂŒssen sie – als Geschichten – erzĂ€hlt werden. Und dann können sie auch nur erzĂ€hlt werden; denn in der Regel weiĂ man erst hinterher, ob es eine Geschichte ist. ... Wir Menschen sind unsere Geschichten; Geschichten muĂ man erzĂ€hlen; darum mĂŒssen wir Menschen erzĂ€hlt werden. (Geschichten, 2003, S. 64)
History und story
Spezifisch zur modernen Welt gehört: ... der Siegeszug der erzĂ€hlenden Kunst des Romans. ... Milan Kundera hat in seinem sehr schönen EssayDie Kunst des Romans von 1986 festgestellt: nicht nur die Realgeschichten expandieren, sondern auch die fiktiven ErzĂ€hlungen; nicht nur die âhistory“ blĂŒht modern, sondern insbesondere auch die âstory“... Zur Erfolgsgeschichte der exakten europĂ€ischen Wissenschaften ... gehört die – den âGeist der Theorie“ durch den individualistischen âGeist des Humors“ kompensierende – Parallelgeschichte der erzĂ€hlenden Kunst des Romans, der ... âeuropĂ€ischsten aller KĂŒnste“. (Geschichten, 2003, S. 67f.)
Hektisch und entspannt
Wir leben – meine ich – âvon“ der besprochenen Welt und âin“ der erzĂ€hlten Welt [Harald Weinrichs]; so daĂ wir in der âbesprochenen Welt“ hektisch und schnell und in der âerzĂ€hlten Welt“ entspannt und langsam leben. (Geschichten, 2003, S. 70)
Und einige Stichworte zur Hermeneutik
Intelligente Dummheit
Hermeneutik ist das Ăndern dort, wo man nicht Ă€ndern kann... Dabei - vita brevis - ist der interpretatorische Loswerdensversuch des entlarvenden Interpretierens - die Ideologiekritik - stets nur begrenzt möglich: Jede globale Entlarvung wird bezahlt durch eine Regression des Entlarvers; die totalverdĂ€chtigende Kritik wird leicht zur sekundĂ€ren Naivisierung: sozusagen zur Fortsetzung der Dummheit unter Verwendung der Intelligenz als Mittel. ... Diese Art der Interpretation, die die Unmöglichkeit der Herkunftsvernichtung durch die Möglichkeit der Herkunftsdistanzierung kompensiert, nenne ich distanzierende Hermeneutik... (Hermeneutik, 1979, S. 123f.)
Altbausanierung im Reiche des Geistes
Hermeneutik ist das Festhalten dort, wo man nicht festhalten kann... dieses antiquarisierende Interpretieren ist ... die Rettung der VerstĂ€ndlichkeit von Dingen und Texten in neuen Situationen (in sekundĂ€ren Kontexten), an die sie sie anpaĂt. Sie wirkt also konservatorisch: sozusagen als Altbausanierung im Reiche des Geistes. Diese Art der Interpretation, die den Verlust an primĂ€rer VerstĂ€ndlichkeit durch WiederverstĂ€ndlichmachen kompensiert, nenne ich adaptierende Hermeneutik... (Hermeneutik, 1979, S. 126)
SekundÀre Weltoffenheit
[Wir] können ... - interpretierend - heute sogar das noch wiedererinnern, was wir gar nicht vergessen haben, weil wir es ĂŒberhaupt noch nicht kannten; und so gewinnen wir - hermeneutisch - selbst noch jene Paradiese zurĂŒck, aus denen wir niemals vertrieben wurden, weil wir nie in sie hineingeboren waren: wir erwerben - durch Hermeneutik - eine sekundĂ€re Weltoffenheit. (Hermeneutik, 1979, S. 127)
Festhalten und Distanzieren
Hermeneutik ist die fĂŒr Menschen lebensnotwendige Kunst, sich verstehend in Kontingenzen zurechtzufinden, die man festhalten und distanzieren muĂ, weil Wesen mit befristeter Lebenszeit sie nur begrenzt loswerden können... (Prinzipiell, 1981, S. 20)
Kreative – Operative – Rezeptive
Im gewaltenteiligen Reiche der Literatur - wo es die Gewalt des Autors gibt, die Kreative, und die Gewalt des Werkes, die Operative - kam ... eine dritte Gewalt ins Spiel: das war die Stunde der Rezeptive...: als der Wille zur Vielfalt der LektĂŒren. Der rezeptionsgeschichtlich definierte Rezipient will Vieldeutigkeit... (Krise, 1981, S. 75)
Interpretieren statt Rechthaben
[S]olange - in bezug auf die Heilige Schrift - zwei Leser kontrovers behaupten: ich habe recht, mein TextverstĂ€ndnis ist die Wahrheit, und zwar - heilsnotwendig - so und nicht anders, kann es Hauen und Stechen geben. Das vermeidet die moderne lesende Wissenschaft, indem sie die absolute Kontroverse neutralisiert durch die Frage: LĂ€Ăt sich dieser - und jeder - Text nicht doch auch noch anders verstehen und - falls das nicht ausreicht - noch einmal anders und immer wieder anders? So entschĂ€rft sie potentiell tödliche Auslegungskontroversen, indem sie aus der rechthaberischen die interpretierende LektĂŒre macht, bei der der Leser - notfalls ad libitum - mit sich reden lĂ€Ăt; und wer mit sich reden lĂ€Ăt, schlĂ€gt möglicherweise nicht mehr tot. (Neugier, 1984, S. 81)
