Zu-fÀllige ZugÀnge zur Analyse der Psyche

Ein GesprĂ€chsbeitrag von Helmut SchĂŒtz in einem inneren Dialog mit Odo Marquard

 

Manche nennen es Zufall, wenn Ereignisse nicht durch kausale ZusammenhĂ€nge oder Notwendigkeiten zusammentreffen. Wieviel Zufall es in der Wirklichkeit tatsĂ€chlich gibt, ist naturwissenschaftlich gesehen fĂŒr einen Laien kaum noch verstĂ€ndlich, da sich die Diskussion im Spannungsfeld zwischen der quantenphysikalischen UnschĂ€rferelation und der chaostheoretischen Untersuchung fraktaler Strukturen abspielt. Als Theologe spreche ich gern von einer FĂŒgung, wenn aus – sozusagen fĂ€lligen – ZufĂ€llen SinnzusammenhĂ€nge entstehen. Sie, lieber Herr Prof. Marquard, schĂ€tzen als Philosoph den Zufall sehr: „der Zufall ist keine mißlungene Absolutheit, sondern – sterblichkeitsbedingt – unsere geschichtliche NormalitĂ€t. Wir Menschen sind stets mehr unsere ZufĂ€lle als unsere Wahl.“ So formulierten sie 1984 in der „Apologie des ZufĂ€lligen“ (S. 131).

Eine Reihe ganz bestimmter ZufĂ€lle „wollten es“, dass sowohl Sie als auch ich selbst mit den Konzepten der Psychoanalyse in Kontakt kamen. Bei Ihnen ergab sich das Thema Ihrer Habilitationsschrift aus dem Zufall, dass Sie als Student im BĂŒcherschrank Ihrer Tante auf Schriften von Sigmund Freud stießen, in dessen Denkweise Ihnen Ähnlichkeiten zur Philosophie des Deutschen Idealismus auffielen. Meine Neugier auf ZugĂ€nge zu den Tiefendimensionen der menschlichen Seele wurde ebenfalls zufĂ€llig geweckt, als ich in meiner Zeit als Gymnasiast in einer Buchhandlung ein Witzbuch suchte und Freuds Buch ĂŒber den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten fand.

Unser beider Umgang mit dem Thema Psychoanalyse entwickelte sich allerdings in verschiedene Richtungen, und zwar nunmehr weniger zufĂ€llig, sondern durchaus konsequent im Zusammenhang der Ausbildung unserer jeweiligen philosophischen bzw. theologisch-seelsorgerlichen Überzeugungen.

Ihre Schlussfolgerungen zur Verwandtschaft des psychoanalytischen Denkens mit der romantischen Naturphilosophie als Schwundstufe des Deutschen Idealismus legten nahe, dass die Psychoanalyse auch an dessen Fehlern im Menschenbild krankte: einer SelbstĂŒberschĂ€tzung des Menschen, die in Aporien enden musste und letzten Endes doch nicht das Allheilmittel fĂŒr die menschlichen Probleme gefunden hatte: Die Psychoanalyse „offenbart Probleme und macht sie ehrlich, aber sie löst sie nicht“ („Transzendentaler Idealismus, Romantische Naturphilosophie, Psychoanalyse“, 1963, S. 233). Folgerichtig blieben Sie auch skeptisch gegenĂŒber anderen Formen der Psychologie und Gruppendynamik, zum Beispiel gegenĂŒber der „Konjunktur der Gruppe als Anti-Einsamkeitsmittel“ („PlĂ€doyer fĂŒr die EinsamkeitsfĂ€higkeit“, 1983, S. 115) oder gegenĂŒber „Selbsthilfegruppen, die man nur durch Selbsthilfe ĂŒbersteht“ (S. 116), bis hin zur Skepsis gegenĂŒber der Psychologie als „Fragebogenwissenschaft“ („Freiheit und PluralitĂ€t“, 2006, S. 110).

Aber wĂ€hrend Sie im Blick auf „das Programm unserer Selbsterfahrungsgruppen“ formulierten: „wer das GlĂŒck unmittelbar intendiert - wer, statt einen bestimmten Beruf oder eine bestimmte Sache zu tun, dies verweigernd ausschließlich und direkt nur glĂŒcklich sein will ... - , wird niemals glĂŒcklich“ („Das Über-Wir“, 1984, S. 41), erfuhr ich in meinem ersten Studiensemester eine von Prof. Dietrich Stollberg geleitete Selbsterfahrungsgruppe an der Kirchlichen Hochschule Bethel als Hilfe zum Aufbau eines gesunden Selbstbewusstseins. Ich lernte zugleich, dass psychologische und gruppendynamische Methoden durchaus als Medien fĂŒr zwischenmenschliche Hilfe und theologisch verantwortbare Seelsorge dienen können. Zwar lernte ich an der Ruhr-UniversitĂ€t Bochum auch zerstörerische Formen von Gruppendynamik kennen, wenn sich informell das Recht der StĂ€rkeren in der Gruppe durchsetzt, weil Leitungsverantwortung nicht wahrgenommen wird. Aber in meiner Vikarsausbildung in Friedberg/Hessen wurde ich durch Prof. Helmut Harsch und seinen Assistenten Thomas Weil auf die durch Eric Berne in den USA als „Ableger“ der Psychoanalyse entwickelte Transaktionsanalyse aufmerksam (wegen des furchtbaren Wortes kĂŒrze ich im Folgenden lieber ab: „TA“). Als Thomas Weil spĂ€ter in Kassel sein „Institut fĂŒr Transaktionsanalyse und integrative Tiefenpsychologie“ grĂŒndete, machte ich bei ihm eine intensive psychotherapeutische Zusatzausbildung, deren Ertrag fĂŒr meine seelsorgerliche Arbeit ich nicht missen möchte.

Grundgedanken und Methodik der TA passen in meinen Augen zum christlichen Menschenbild. Das wurde zwar von Prof. Helmut Fischer am Theologischen Seminar in Friedberg Anfang der 80er Jahre in einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem Kollegen Helmut Harsch bestritten; er unterstellte der Transaktionsanalyse das „amerikanische Menschenbild“ eines „programmierten Menschen“. Zur gleichen Zeit wurde der Transaktionsanalyse „von links“ die Verengung des Blickwinkels auf die Stabilisierung von Individuen vorgeworfen. Aber eben die UnverĂ€nderbarkeit von Programmierungen besteht fĂŒr die Transaktionsanalyse in meinen Augen nicht. Anders als fĂŒr die Psychoanalyse gilt fĂŒr die Transaktionsanalyse der Leitgedanke Martin Bubers: „Der Mensch wird am Du zum Ich“. Heilsam wirken weniger bestimmte Methoden als vielmehr die beratende oder therapeutische Beziehung als solche.

Die Art, wie in einer therapeutischen oder beraterischen Beziehung Heilung geschehen kann, erinnert mich an einige Ihrer philosophischen Grundaussagen. Die Art, wie sich diese Beziehung entfaltet, erzĂ€hlt sozusagen alte Geschichten neu nach, mit dem Ziel, ein anderes Ende zu finden. WĂ€hrend Freud den „Wiederholungszwang“, der sich in der Übertragungssituation ausagierte, negativ beschrieb, sieht die tiefenpsychologische und beziehungsorientierte TA in Beratung und Therapie eher eine „Wiederholungschance“ alter Geschichten, die der Ratsuchende dadurch anders weiterzuerzĂ€hlen lernt, dass der Berater oder Therapeut anders als die ursprĂŒnglichen Bezugspersonen verstĂ€ndnisvoll zuhören, Halt geben und Orientierung anbieten. Der Ratsuchende soll nicht nur „rechtfertigungsfrei und ohne Angst“ anders sein können „als die anderen“ („Einheit und Vielheit“, 1987, S. 36), sondern auch anders, als er es sich auf Grund der UmstĂ€nde seiner eigenen Lebensgeschichte erlauben durfte.

Im Konzept des „Miniskript“ bringt der amerikanische Transaktionsanalytiker Taibi Kahler in Kurzform auf den Punkt, welche – in der Regel unbewusst ausgesandte – Botschaften primĂ€rer Bezugspersonen die seelische Entwicklung von Kindern negativ beeinflussen können, zum Beispiel: „Sei nicht!“, „Sei nicht nahe!“, „Sei kein Kind!“, „Werde nicht erwachsen!“, „Sei nicht du!“, „Schaffe es nicht!“, „Sei nicht normal!“, „Lass es dir nicht gut gehen!“, „Gehöre nicht dazu!“ Diese Liste liest sich wie der Inbegriff einer pĂ€dogisch angewandten „‚Übertribunalisierung‛ der menschlichen Lebenswirklichkeit“ („Der angeklagte und der entlastete Mensch in der Philosophie des 18. Jahrhunderts“, 1978, S. 49), die Sie wie folgt skizzieren: „Die Leibnizfrage an den Schöpfer: ... Mit welchem Recht ist und gilt ĂŒberhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?... wird ... gesteigert und ubiquisiert zur absoluten gnadenlosen Anklagefrage an jedermann: Mit welchem Recht gibt es dich ĂŒberhaupt und nicht vielmehr nicht, und mit welchem Recht bist du so, wie du bist, und nicht vielmehr anders? ... jedermann hat ... ohne Pardon die totale Beweislast fĂŒr sein eigenes SeindĂŒrfen und SoseindĂŒrfen. Zum exklusiven menschlichen Lebenspensum wird: vor einem Dauertribunal, bei dem der Mensch zugleich als AnklĂ€ger und Richter agiert, die Entschuldigung dafĂŒr leben zu mĂŒssen, daß es ihn gibt, und nicht vielmehr nicht, und daß es ihn so gibt, wie es ihn gibt, und nicht vielmehr anders.“ (S. 50f.)

Könnte es sein, dass die Psychoanalyse Sigmund Freuds sich insofern in Aporien verstrickt, als sie sich dem Sog dieser Übertribunalisierung nicht entziehen kann und „die Triebnatur“ des Menschen in Verbindung mit der „Ohnmacht der Vernunft“ („TIRNP“, S. 251) letztlich nur als „Wolfsnatur“ (S. 249) zu bestimmen vermag?

Ich habe den Eindruck, dass sich demgegenĂŒber die TA, wie ich sie kennengelernt und praktiziert habe, der christlichen Einsicht gegenĂŒber nicht verschließt, dass der Mensch als Gottes Schöpfung gut ist und seine scheinbare „Wolfsnatur“ nur einer – nicht zu verharmlosenden – Verzerrung durch die RealitĂ€t der SĂŒnde entspringt. Das bedeutet: Der Mensch muss dem Menschen dann nicht ein Wolf werden, wenn er in einer heilenden Beziehung echte Annahme, SolidaritĂ€t, ja Liebe (im Sinn der christlichen Agape), erfĂ€hrt, annimmt und in seine ganze Lebenshaltung integriert. Wo einem Menschen die Botschaft vermittelt wird: „Nimm dich, wie du bist“, da kann er auch die Botschaft annehmen: „Werde, der du werden kannst“ (zwei Buchtitel des Transaktionsanalytikers RĂŒdiger Rogoll). Die christliche Rechtfertigungsbotschaft kann also im Blick auf die Analyse und Therapie der menschlichen Seele einen Ausweg aus den Aporien der Psychoanalyse weisen, denn: „Christlich gerĂ€t der Mensch gerade nicht unter absoluten Rechtfertigungsdruck, denn seine Rechtfertigung - die christlich nicht vom Menschen erwartet wird, weil dieser sie selber gar nicht leisten kann - ist je schon geschehen: durch die Erlösungstat Gottes per Christentum.“ („Der angeklagte Mensch“, 1978, S. 49). Wer gerechtfertigt ist, wer im Urvertrauen lebt, wer angstfrei so sein darf, wie er ist – auch anders als alle anderen – der kann auch seelisch wachsen und verantwortungsbewusst handeln.

Innerer Dialog
eines Pfarrers mit einem Philosophen